Ein junger Physikus auf Wanderschaft

Erstaunt sind wir, wie viele Umzüge der Arzt Samuel Hahnemann in seinem jungen Leben bewältigte. Was waren die Gründe, fragen sich heute viele Homöopathen.
Die medizinische Ausbildung am Ende des 18. Jahrhunderts ließ oft an Umfang und Tiefe zu wünschen übrig. Damals hatte beispielsweise die Universität Leipzig kein eigenes Krankenhaus, um die angehenden Mediziner auch praktisch zu schulen. Mit theoretischem Wissen überhäuft, ließ man sie nach wenigen Semestern auf die kranke Menschheit los. Deshalb erwählte der junge Student Samuel Hahnemann eine weitere Lehrzeit am Allgemeinen Krankenhaus Wien bei Dr. Quarin, welchem als Spital ein ausgezeichneter Ruf in ganz Europa vorausging.
Nach seinem Aufenthalt in Wien und Hermannstadt / Siebenbürgen hatte Samuel Hahnemann nun die finanziellen Mittel, um am 10. August 1779 in Erlangen den Doktortitel zu erwerben.
Seine erste Arbeitsstelle als junger Arzt führte ihn nach Hettstedt ins Mansfelder Land am unteren Harz. Seufzend schrieb er:“ Hier, in Hettstedt, war es unmöglich, Inneres und Äußeres zu erweitern.“
Mit seiner Arbeit konnte er sich weder auskömmlich ernähren, noch einen Umgang pflegen, der ihn geistig förderte und erbaute. Mit schriftstellerischer Arbeit besserte er sein Honorar etwas auf. Bereits nach einem Dreivierteljahr wechselte er in die Residenzstadt Dessau. Hier galt neben dem Arztberuf sein Interesse dem Bergbau und der Chemie. Dabei ergab sich die Bekanntschaft mit der Stieftochter des Apotheker Häsler. Sie war die 17jährige Tochter aus 1. Ehe seiner Frau Henriette Küchler, der Witwe seines Vorgängers.
Die am 1.1.1764 geborene Johanna Leopoldine Henriette Küchler und Samuel Hahnemann hatten bald ein inniges Verhältnis. Nun war es dem jungen Mann sehr wichtig, sich nach einer gesicherten Lebensstellung umzusehen. Denn in Dessau war er nur der Zugezogene.
Das „Amt Gommern“ unweit von Magdeburg bot ihm die Stelle des „Stadtphysikus“ mit voraussichtlich „ansehnlichem Gehalt“. Jedoch blieben die Einnahmen hinter den Erwartungen zurück. In seinen ungewollten Mußestunden beschäftigte er sich wieder mit der Chemie. Zum einen übersetzte er Werke aus dem Englischen und Französischen, aber nicht nur das, sondern er ergänzte sie auch noch mit seinem Wissen. So entstanden vollkommenere Schriften, als die vorher vorhandenen. Zusätzlich verfasste er eigene Arbeiten wie „Anleitung, alte Schäden und faule Geschwüre gründlich zu heilen“. Nun beginnt er in seinen Werken die Kollegen der damaligen Schulmedizin scharf zu kritisieren.
Des Alleinlebens überdrüssig, holte er nach anderthalb Jahren seine Braut nach Gommern und heiratete am 17. November 1782. Im Jahr darauf wurde sein erstes Kind geboren - Tochter Henriette.
Bereits 1784 setzte Hahnemann seine Wanderschaft fort, bis er 1785 in Dresden für 4 Jahre sesshaft wurde. Er arbeitete als Gerichtsarzt und vertrat ein ganzes Jahr den erkrankten Stadtphysikus, dem sämtliche Krankenhäuser der Stadt unterstellt waren. In dieser Zeit schenkte ihm seine liebe Frau 1786 einen Sohn namens Friedrich und 1788 eine Tochter Wilhelmine.
Neben seiner ärztlichen Tätigkeit widmete er sich überaus fleißig und mit großem Eifer vielen Übersetzungen und eigenen Abhandlungen. Über 2200 Druckseiten veröffentlichte er in der Dresdener Zeit, was ihn nebenher sehr viel bekannter machte und das Familienbudget aufbesserte.
Richard Haehl beschreibt Hahnemanns Wirken so: „Dabei zeigt sich die große Vielseitigkeit und geistige Spannkraft des Mannes, der, ohne oberflächlich zu werden und ohne sich bei seinen Übersetzungen mit einer einfachen Übertragung zu begnügen, überall eine gewissenhafte Durchdringung der gestellten Aufgaben offenbart und neue Wege zu neuen Zielen zu gehen gewöhnt ist, der in der Chemie ebenso frei sich bewegt, wie in der Medizin, der in der Technik ebenso selbständige Ansichten entwickelt, wie er Freude und Genuss findet in der ausländischen schönen Literatur.“
Die Unzulänglichkeiten damaliger Heilweise erkennend, forderte Hahnemann das Verbot des Arsenikverkaufs. Zu der Zeit vertrieben Händler aller Art das beliebte „Fieberpulver“. Mit dem Wissen der gerichtlichen Chemie sichtete er die medizinischen Gegenmaßnahmen und verbesserte die allgemeine Giftverordnung, welche bis in die Neuzeit hinein aktuell blieb.
Mit unendlicher Belesenheit arbeitete er dazu 389 verschiedene Schriftsteller und Schriften in mehreren Sprachen aus vielen Jahrhunderten durch. Ohne die Bekanntschaft und freundschaftliche Beziehung zu den Bibliothekaren der kurfürstlichen Bibliothek Hofrat Adelung und Bibliothekar Daßdorf wäre seine Fortbildung mit geeigneten Werken nicht möglich gewesen. Sie stellten ihm für sein schriftstellerisches Schaffen die gewünschten Bücher beratend zur Verfügung. Allein die deutschen Mundarten zu verstehen, nützte ihm sehr die Hilfe des Sprachforschers Adelung.
Seinen Überzeugungen verlieh Hahnemann unerschrocken Ausdruck in dem Werk „Arsenikvergiftung“.
Bereits im Vorwort heißt es: „Eine Menge Ursachen, ich mag sie nicht herzählen, haben seit einigen Jahrhunderten die Würde jener Gott nachahmenden Wissenschaft, der praktischen Heilkunde, zur elenden Brotklauberei, zur Symptomenübertünchung, zum erniedrigenden Rezepthandel, Gott erbarms, heruntergetrieben, zum Handwerke, das die Hippokrate unentdeckbar unter den Troß befranzter Arzneibuben mischt.
Wie selten gelingts noch hie und da einem rechtschaffenen Manne, durch die Größe ausgezeichneter Wissenschaften und Talente sich über die Heuschreckenwolke der Medikaster zu erheben und einen so reinen und echten Glanz über die Kunst zu werfen, an deren Altare er dient, daß es selbst dem Pöbel unmöglich fällt,den ehrwürdigen freundlichen Abendstern mit dünstigen Sternschnupfen zu verwechseln! Wie selten ist diese Erscheinung, und deshalb, wie unvermögend der gereinigtern Heilkunde überhaupt, ihren vermoderten Adelsbrief zu erneuern.“
HP Regine Dehn
Text HP Regine Dehn
Quelle: Richard Haehl „Samuel Hahnemann- Sein Leben und Schaffen“ Band I und II, Neuauflage der Ausgabe von 1922, SEVERUS Verlag 2014
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