„Über die Arbeit des 76jährigen Samuel Hahnemann“
Samuel Hahnemann schrieb am 20. Juli 1831 an Bönninghausen:
„….Was mich anlangt, so muß ich auf etwaige Verbesserung dieses (so klein es scheint) so großen und sehr viel umfassenden Werkes Verzicht thun und es Ihrem unermüdlichen Eifer aufs Neue überlassen, da meine Jahre, deren Last ich fühle, es mir unmöglich machen, mehr als die Hälfte zu leisten von dem, was ich in den vierziger Jahren vermochte und doch ein unabweislicher Briefwechsel mit nahen und fernen Schülern und Kunst-Verwandten, eine vielfache Correspondenz mit entfernten Kranken und die Besorgung der fremden, hier in der Cur befindlichen Kranken, so wie der einheimischen, jede Viertelstunde meiner Tage in Anspruch nehmen, wenn ich den abgebrochenen Umgang mit meiner aus 4 Töchtern bestehenden Familie, zwei viertelstündige Mahlzeiten und täg-liches, einstündiges Spazieren in meinem Haus-Garten abrechne…“
Am 13. Mai 1832 schrieb Hahnemann wieder an Bönninghausen über seine Situation:
„…Jeden Monat mehr sieht das vorher von allöopathischen Widersachern bisher abgehaltene Volk ein, daß es bei mir weder mit Arzneiflaschen gequält, noch sonst mit allerlei medicinischen Martern gepeinigt, wohl aber unbeschwert geheilt wird, was bei jenen Barbaren fehlt, und man belagert mich mit einer zahllosen Menge Kranker früh und spät, daß ich`s nicht mehr aushalten kann und unterliegen muß, wenn mir Gott nicht bald einen Ausweg zeigt. In die anhaltischen Länder wird kein Homöopath zugelassen, seit Herzog Ferdinand, der Gründer meiner Freiheit, todt ist, und so weiß ich meinen großen Überfluß von Kranken nirgends hinzuweisen. Meine vielen Correspondenz-Kranken müssen oft so lange warten, daß mich dieser gezwungenen Hintansetzung schaudert. Nicht eine freie Stunde zum Spazierengehen kann ich abmüßigen, und muß mich dierhalb mit meinem kleinen Gärtchen am Hause begnügen. Noch habe ich keine von den 1000 Nachtigallen nahe vor dem Thore gehört! Nur in abgebrochenen Viertelstunden konnte ich Ihrem Wunsche zufolge die kleine Vorrede schreiben, die hier folgt.“
Unter den Interessenten, die extra nach Köthen reisten, um sich von Hahnemann behandeln zu lassen und um selbst die homöopathische Heilart zu erlernen, befand sich ein allopathischer Arzt Dr. Gottfried Lehmann aus Leitzkau östlich von Magdeburg. Er ließ seine Frau von Hahnemann kurieren, während er die Homöopathik in der Praxis erlernte.
Dem ging ein Behördenkrieg voraus, um die Niederlassung Lehmanns als Gehilfe Hahnemanns zu erschweren und sogar zu hintertreiben.
Erst ein Machtwort Herzog Ferdinands von Köthen ermöglichte dem jungen Arzt, selbständiger Mitarbeiter in Hahnemanns Ordination zu werden und nicht nur „Famulus“ desselben.
Angesichts der florierenden Praxis Hahnemanns und seines guten Rufes weit über die Landesgrenzen hinaus, bot sich im Sommer 1832 endlich die Möglichkeit, dass Dr. Lehmann seine Stellung bei Hahnemann beantragen sollte.
Erst am 7. Oktober 1832 erging folgender Bescheid:
„Da der Dr. Lehmann aus Leitzkau sich durch genügende Zeugnisse über seine Fähigkeiten als Arzt ausgewiesen hat, und der Hofrath Hahnemann wegen seines vorgerückten Alters eines Assistenten wohl bedarf, so gestatten wir dem letztern auf seine vorliegende Eingabe, daß er sich der Beihülfe des Dr. Lehmann, sowie solche in Nr. 2 dieses Berichtes näher bestimmt ist, bedienen darf, weshalb dem letztern der Aufenthalt in der Residenz hierdurch gestattet wird.“
Auf Hahnemanns Antrag hatte der Herzog einige Zeit später höchstselbst dafür gesorgt, dass auch ihm das Recht des Selbstdispensierens der Arzneien in demselben Umfang wie Hahnemann eingeräumt wurde.
Bereits im Dezember 1832 schrieb Hahnemann an Bönninghausen:
„…Ich melde Ihnen auch, daß ich mit meinem Gehülfen Dr. Lehmann (der in unglaublich kurzer Zeit sich zum eifrigsten und fähigen Homöopathiker umgebildet hat, aus einer 17 Jahre langen allöopathischen Praxis) seit 4 Monaten alle Kranken mit unglaublichem Erfolge in jedem Falle mit bloßem (mehr oder weniger starkem) Riechen behandle je nach den Umständen theils, die Arzney alle 7, 10, 14 Tage wiederholt, theils sie mehrere Wochen auswirken zu lassen, theils mit dem nächst Besten abwechselnd gegeben….“
Dr. Lehmann war ein tatkräftiger und sehr praktisch veranlagter Arzt, der Hahnemann in jeder Beziehung
in der Praxis zu Hilfe kam.
Sein beruflicher Eifer und die Bereitwilligkeit, auf die Wünsche des großen Meisters einzugehen, waren ein Glücksgriff für Hahnemann.
Beide Männer verstanden sich sehr gut. Aber auch dieser so fleißige und brauchbare Gehilfe, reichte nicht aus, um dem Andrang der Kranken Herr zu werden.
Man kann es sich kaum vorstellen, wenn Hahnemann am 9. März 1833 schrieb:
„…Fast unterliege ich – und sehe keinen Ausweg. Denn außerdem liegen mir fremde Kranke noch zur Last, einer aus Petersburg, einer aus Schlesien, ein anderer aus Copenhagen und einer aus Bordeaux, und mehrere aus Paris sind schon angekündigt, die im April herkommen…..“
Das Ansehen der Homöopathik in ganz Europa hatte richtig Fahrt aufgenommen. Hahnemann schildert es bereits 1832 so:
„….Ich habe mich nie öffentlich über die bittern und grausamen Anfeindungen beschwert, die mir in den ersten 5, 6 Jahren meines Hierseins widerfuhren. Denn ich mag mich lieber beneiden als bemitleiden lassen. Doch vermeide ich auch ersteres. Nur in den letzten Jahren gelang es mir, das Publikum, was mehrere Jahre lang von den Allöopathen, Apothekern und Chirurgen gegen mich und mein Thun eingenommen und verhetzt gewesen, so zu gewinnen und so von den Vorzügen unsrer Heilkunst zu überzeugen, daß eben dieses Publikum nun um desto mehr gegen die Aerzte und Apotheker böse ist und mich vor allen so vorziehen, daß ich im eigentlichen Sinne nicht weiß, wie ich alle Kranken bestreiten soll; man trägt mich gleichsam auf den Händen.“
„…Ich habe durch Gottes Schickung einen vortrefflichen Gehülfen bei meiner unerträglich starken, aber höchst gesegneten Praxis bekommen, einen rüstigen Dr. Lehmann, der mich wie seinen Vater liebt, welcher unter täglichem Bedauern seiner 17jährigen allöopathischen Unthaten, lege artis, in ¾ Jahren sich zu einem trefflichen reinsten Homöopathiker einstudirt und eingeübt hat, so daß es eine Freude ist, mit ihm zu arbeiten und viel Gutes zu thun…“ schrieb Hahnemann am 28. April 1833.
Später, als Hahnemann nach Paris übersiedelte, führte Dr. Lehmann die Praxis in seinem Sinne fort. Am 20. August 1835 schrieb er:
„Der Herr Hofrath Hahnemann kehrt in diesem Jahre von Paris nicht wieder zurück – so ist seine letzte Nachricht an mich vom 3. August und überträgt mir von neuem die weitere Besorgung seiner Kranken. Ich bin im 4. Jahre sein Assistent, sein intimster Freund, seit 19 Jahren praktischer Arzt, Doktor der Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe und Anhalt-Cöthenscher Hofrath. Im Besitz sämtlicher Hahnemann`scher Journale und gewiß sein reinster Schüler, denn keiner hatte das Glück den ganzen Tag um ihn zu sein, wie ich und dürfen Sie mir Ihren Sohn bis zu Seiner Rückkehr wohl ferner anvertrauen….“
In einer öffentlichen Anzeige ernannte Hahnemann seinen Nachfolger:
Anzeige
„Da ich wohl so bald noch nicht wieder nach Köthen kommen kann, so empfehle ich statt Meiner den guten homöopathischen Arzt, meinen dreijährigen Gehülfen und Freund, den Herrn Hofrath Doktor G Lehmann allen Heilung suchenden Kranken angelegentlich.
Samuel Hahnemann“
Den Weggang Hahnemanns nutzten sogleich die Apotheker, um in einem Gesuch an den Herzog das Recht der Herstellung und Verabreichung von Arzneien durch Dr. Lehmann wieder rückgängig zu machen. Auch allen folgenden Homöopathen, die sich in Köthen niederlassen könnten, sollte das Vorrecht im Voraus schon verweigert werden.
Der Herzog verweigerte sich den Apothekern und bestätigte Dr. Lehmann aufs Neue das Recht des Selbstdispensierens.
Dr. Lehmann stellte fortan nicht nur für sich selbst, sondern auch für Hahnemann in Paris die homöopathischen Arzneien weiter her. Er wohnte bis zu seinem Tode am 9. Januar 1865 in Köthen.
HP Regine Dehn
Quelle:
Richard Haehl „Samuel Hahnemann- Sein Leben und Schaffen“ Band I und II, Neuauflage der Ausgabe von 1922, SEVERUS Verlag 2014
Foto Hahnemannhaus Köthen - ew-homeopathy.net
Foto Statue Dr. Lehmann - www.homeoint.org